Für Günter Rieck

Heide Dahl schrieb in der Zeitung, die zum 50 jährigen Bestehen der Kupferkanne erstellt wurde:

 

Für Günter Rieck

„Wer sich morgens um acht auf den Hintern setzt, hat abends um acht ´was gemalt“, sagte der kritische Hamburger Galerist Paul Mensch ungerührt.

Er blätterte eher gelangweilt als interessiert in meiner unvollständigen Bildermappe.

„Mager“, meinte er kurz angebunden und guckte stirnrunzelnd über den Rand seiner Brille. Man wäre ja nicht immer in Stimmung, stammelte ich verzagt und habe oft tagelang keine Idee. Er erwiderte: „Ein richtiger Künstler hat ständig Ideen. Das Warten auf eine sogenannte göttliche Eingebung ist eine Flucht, deutlicher: nichts anderes als Faulheit“. Das saß!

„Arbeite erst einmal richtig, liebes Kind“. Er duzte mich wie ein Schulmädchen, und es war mir egal, denn er war ein erfahrener Mann Mitte 60, der keine schönen Worte machte, sondern nur Können und Disziplin zusammen gelten ließ.

„Was weiß denn der“, dachte ich dennoch trotzig, wagte aber nicht, ihm zu widersprechen.

Völlig desillusioniert, niedergeschlagen und vor allem pleite kehrte ich in mein kleines Atelier in meiner Heimatstadt Lübeck zurück. Von Romantik konnte keine Rede mehr sein. Alle bisherigen Ausstellungen waren zwar relativ erfolgreich, fanden aber in Bankfilialen, Lesesälen oder Ballettschulen statt – und ich wollte doch eine „arrivierte“ Galerie.

 

Drei Jahre später.

Ich schlug mich durch und schaffte es auch mit der Malerei. Ein Job nebenher hätte mich einen großen Teil meiner Intensität und Kraft gekostet. Und so, als würde ein Stern vom Himmel fallen, den es aufzufangen gilt, empfand ich dann die Begegnung mit Günter Rieck, als ich 1974 das erste Mal nach Sylt kam. Er war ein Künstler, unter dessen Händen nicht nur Skulpturen, sondern im Laufe der Jahre die Kupferkanne entstanden war. Wer kennt sie nicht? In langjähriger Mühe und liebevoller Arbeit unter Einsatz seiner ganzen Kreativität ließ er mit der Zeit jeden Strauch, jeden Baum und vor allem die Kupferkanne selbst zu einer Skulptur, zu einem Objekt werden, an dem er bis zu seinem Tode 1983 immer und immer arbeitete. Ständig gab es etwas zu verändern, verbessern. Schöner, ausgefallener, aussageintensiver zu vervollkommnen.

Dieser sensible, rastlose Mann gab mir die Chance meines Lebens.

Dass er an meine Malerei glaubte, mir glaubte, dass ich es schaffen wollte und würde, machte mich unendlich glücklich. Vorne, an der Einfahrt zur Kupferkanne, liegt das kleine Haus, in dem er mir Weihnachten 1974 erlaubte, meine Bilder eigenständig auszustellen. So schön wie ich es konnte (ich musste sehr rechnen), richtete ich am Vorabend der Eröffnung mein Häuschen her. Es war Weihnachten und ich dekorierte es entsprechend mit Tannenzweigen und Strohsternchen.

Als alles fertig war, die Bilder an den Wänden hingen, hatte ich bei Kerzenlicht und dem Köln-Concert von Keith Jarret das Gefühl, im Stall von Bethlehem zu sein.

Wenn auch mit Lampenfieber, voller Angst, es könnte schief gehen oder trotz eines vorausgegangenen Zeitungsartikels in der „Sylter Rundschau“ kein Mensch kommen. Im Gegenteil. Obwohl es in Strömen regnete, kamen so viele Menschen, dass der kleine Raum im Nu gemütlich voll war, und ich in Gespräche verwickelt wurde, die mir mein abhanden gekommenes Selbstbewusstsein wiedergaben, mich fröhlich und gelöst sein ließen und auch mutig genug, die fest angesetzten Preise für meine Bilder zu vertreten. Ich war erfolgreich!

Wie könnte ich diesen Tag im Leben vergessen? Zu einem Roman würde meine kleine Geschichte aus den Anfängen werden, wollte ich all´meine Erlebnisse, die ich im Laufe der Jahre hatte, aufschreiben.

Zwangsläufig kamen viele Besucher, die zur Kupferkanne zum Kaffeetrinken strömten, an meiner Galerie vorbei und besuchten mich dann auch ganz ungeplant. Neben dem Zauber des umfangreichen Geländes war es diese Sicherheit, die die Kupferkanne mir gab. Sie ließ mich frei werden, vor allem in meiner Themenwahl. Nicht darüber nachdenken müssen, ob man verkaufen kann oder nicht, bevor man den ersten Pinselstrich macht, ist das Allerwichtigste. Und ich wollte verkaufen, natürlich! Ein richtiger Künstler muss verkaufen. Denn nur, wenn die Menschen seine Bilder wollen, ist er richtig motiviert, neue zu erstellen.

Der Reiz, die Idee umzusetzen, sich anzustrengen, wirklich diszipliniert zu arbeiten ist dann doch weitaus größer. Die entsetzliche Einsamkeit jedoch, die man spürt, wenn die große, weiße Leinwand noch leer ist, zu überwinden, dabei kann einem niemand helfen.

Günter Rieck konnte das alles nachempfinden. In langen Gesprächen half er mir, auch ein „Aus“ zu akzeptieren, machte mir Mut, die Arbeit nach unzähligen misslungenen Versuchen wieder aufzunehmen und freute sich, wenn´s wieder klappte.

  

25 Jahre sind seitdem vergangen. Und ich wage zu sagen, dass ich heute ohne sein Lebenswerk auf meinen zwei Beinen stehen könnte. In Dankbarkeit denke ich an diesen großartigen Menschen und bin bemüht, ihm weiterhin alle Ehre zu erweisen. Hat er mir doch den schönsten Platz der Welt dafür gegeben.